Löffelliste

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    • Löffelliste

      von Andrew Schlagweizen 2019

      … oder was ich noch machen möchte, bevor ich den Löffel abgebe.
      Meine Löffel sind zwar aus Stahl, und wer außer dem Schrotthändler will die denn noch haben?

      Sylvia, meine Anwältin, hat gesagt, ich soll meine Hausaufgabe nach dem ersten Treffen machen: Eben diese Liste!

      Also habe ich mich hingesetzt, so wie ich das immer in den letzten 2 Jahren gemacht habe - davor auch von Zeit zu Zeit - um meine Gedanke zu fassen und mich nicht zu verzetteln. Das kann ich nämlich gut, das mit dem Verzetteln. Nur diesmal wird es nicht eine To-do-Liste. Ich weiß natürlich, dass ich wieder etwas übersehe oder dass die Liste spätestens in 2 Wochen nicht mehr das Papier wert ist, auf die ich sie geschrieben habe. Nein, diesmal soll es eine Liste werden, die das beinhaltet, was ich mir für die nächsten 2 oder 3 Jahre für mich wünsche.
      Also fange ich mal an:

      1. Ich will raus aus meinen Schulden.
      Schulden belasten mich seit Jahren, in meiner gerade ablaufenden Ehe noch deutlich mehr, als vorher. Ich habe einfach die Nase voll.
      Meine noch Frau kann meine Probleme damit nicht verstehen. Sie läuft vor ihren Schulden auch mehr oder weniger erfolgreich weg. Diese Schulden sind auch eine große Belastung für unsere Ehe, aber da sie nicht einsieht, dass Schulden bezahlt werden müssen, hat sie auch keine Probleme damit, immer weitere Schulden anzuhäufen.
      Ich aber gehe daran kaputt. Also werde ich die nächste Zeit alles für die Beendigung dieses Problems tun. Leider hat sie mir gesagt, dass sie das nicht mitträgt und deshalb die Scheidung will.
      Tja so ist das halt. Aber die Schulden kommen weg, mit oder ohne sie.

      2. Ich will raus, ganz allgemein.
      In die Natur, zu anderen Menschen, in die Kirche, zu dunklen, verlassenen Orten mit einer Kamera im Anschlag. Eigentlich bin ich ein Abenteurer. Ich will mit der Nase im Dreck kriechende Insekten beobachten, zu Freunden und Familie, um Einen zu trinken und ich will dabei kein schlechtes Gewissen haben müssen, weil ich die Frau zuhause lasse.
      Sie hat bisher jeden meiner Vorschläge diesbezüglich abgelehnt: Dafür haben wir kein Geld! Ich habe echt nicht gewusst, dass mit dem Auto auf den Petersberg zufahren und einfach zwei Stunden die Aussicht zu genießen so wahnsinnig viel Geld kostet. Aber ihr war es zu warm, zu kalt, zu nass, zu trocken, zu viele Menschen ...
      Auch wenn ich oberflächlich gesehen jemand mit nur wenigen Menschen in meiner Umgebung bin, der erst langsam auf andere zugeht, so kann ich doch komplett ohne den Kontakt zu anderen nicht überleben.
      Deswegen will ich wieder raus.

      3. Ich will wieder Klettern
      Das ist für mich der Inbegriff von Freiheit. In der Sonne die Hand auf den warmen Felsen legen, mit den Fingern seine Struktur erfahren. Die Kraft spüren in den Fingern, in der Hand, im Arm, im Oberkörper, in den Hüften, in Beinen und Waden. Ein komplette ganzheitliche Belastung erfahren, d.h. langsam die Spannung wechseln, um den einen sicheren Halt zu verlassen und eine Hand freizubekommen, um damit den nächsten Griff zu wagen. Genial.
      Warum habe ich darauf eigentlich solange verzichtet?

      4. Ich will mein Haus fertig renovieren
      Solarthermie aufs Dach. Isolierung im Dach erneuern. Photovoltaik drauf und Umstellung auf Wandheizung. Naturpool fertig ausheben. Terrasse fertig machen. Mein Gartenhaus/Schreibstube/Boulderroom (siehe 3) im Garten errichten, dessen Pläne jetzt seit über 4 Jahren in der Schublade liegen. Meine Mauer ums Grundstück ziehen, damit ich mich dahinter frei bewegen kann. Ich will aufhören Geld nur für Dinge auszugeben, die nur verbraucht werden. Es soll etwas bleiben, etwas, was mit hilft, mich zu entfalten.

      5. Ich will nach Barcelona
      Nach Barcelona im Winter. Ich habe es nicht so mit der Wärme.
      Diese Stadt will ich sehen, die Architektur, die Menschen, den Klang von Musik aus den kleinen Kneipen hören. Ich will die Leute beobachten, auch wenn ich aufgrund meiner mangelnden Sprachkenntnisse keinen kompletten Zugang zu ihnen finden werde. Aber ich möchte einfach mal Teil einer andren Welt sein. Das wäre toll. Und dann möchte ich die wirklich wundervolle Architektur von Antoni Gaudí i Cornet und die Werke von Picasso in echt sehen, nicht nur auf Bildern in einem Buch.

      6. Ich möchte mir ein Tattoo stehen lassen.
      In meinem Kopf ist es fertig. Es sieht folgendermaßen aus: Ein Berggipfel mit einem Kreuz. Dahinter ein Panorama mit Bergen, die noch höher sind, aber weiter weg. Neben dem Kreuz die Silhouette einer Person, auf der anderen Seite ist die Stelle leer. Diese Person, der Mann, schaut auf den Weg herab, den er gekommen ist, aber er sieht auch die Wege, die noch gegangen werden können. Eine schöne Aussicht.
      Auf den leeren Platz wünsche ich mir für die Zukunft eine Person, die das Leben genauso sehen kann wie ich und die sich darüber freut, mit mir den Weg gegangen zu sein.
      Ich möchte dieses Tattoo auf meiner linken Brust, so wie ich es vor einem halben Jahr in einer Geschichte beschrieben habe, denn seitdem verschwindet es nicht mehr aus meinem Kopf.

      7. Ich möchte mein Falt-Kanu fertigbauen.
      Und dann damit die Sieg rauf- und runterfahren, auch die Lahn rauf und runter, vielleicht auch eine Runde über den Bodensee fahren, oder die Donau entlang. Auch den Rhein will ich befahren. Wo immer man halt mit so einem Boot hinkommt. Ich habe alle Teile, aber mir fehlen noch ein paar Werkzeuge und die Zeit, um es zu vervollständigen.

      8. Ich will jemanden finden, der mein Leben mit mir teilt
      Ich habe zwar eigentlich jemanden, mit dem ich mein Leben teile, aber ich habe das Gefühl, dass es ihr absolut nicht passt, dass auch wirkliche Teile meines Lebens in dieser Gemeinsamkeit vorkommen. Ich habe sie mal gefragt, wann sie sich das letzte Mal Gedanken über das gemacht hat, was mir wichtig ist. Sie verstand meine Frage nicht.
      Eine Woche später sagte sie mir, dass sie es enttäuschend fände, dass ich nicht wisse welche ihre Lieblingschips seien und in welchem Laden die zu finden wären. Sie wäre maßlos enttäuscht.
      Als ich darauf sauer reagierte, meinte sie, dass ich mich nicht so anstellen solle, es sei nur Sarkasmus gewesen.
      All diese Kleinigkeiten bringen mich zu meinem Wunsch:
      Kann da nicht ein Mensch sein, dem ich einerseits durchs Leben helfen darf, der mich aber andererseits auch mit Respekt als den Menschen nimmt, der ich bin?

      Liste fertig! Genug gewollt! Jetzt geht es wieder an die Arbeit.
      Leben ist Arbeit ohne gerechte Bezahlung.
      A reader lives a thousand lifes before he dies.
      The man who never reads lives only one.

      Georg RR Martin